Bei der Hollermutter,

Hellas
Montag, 4. Januar 2016 - 9:45

Bei der Hollermutter,

eine märchenhafte Geschichte von Hella Brust

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Maria aber es wurde von allen liebevoll Mariechen genannt. Sie hütete vom Morgen bis zum Abend auf dem Dorfanger die Gänse ihrer Mutter .

Eines Tages, die Sonne schien warm von Himmel, ruhte sie sich nach ihrem kargen Mittagsmahl im Schatten eines Holunderbusches aus. Auf einmal fielen ihr die Augen zu und sie sank in einen tiefen Schlaf. Als sie wieder erwachte, stand die Sonne schon am westlichen Horizont. Sie schaute sich um und traute ihren Augen nicht: befand sie sich doch auf einer kleinen Felseninsel inmitten eines weiten Wassers, von ihren Gänsen war weit und breit nichts zu sehen.

Das war ein Schreck für Mariechen! Wie war sie hierher gekommen? Und vor allem – wie kam sie wieder hier weg? Nirgends ein Schiff, kein Kahn, kein Boot. Verzweifelt machte sie sich auf die Suche. Es musste doch irgendjemand auf dieser Insel geben, den sie fragen könnte, wie sie wieder nach Hause käme. Sie wanderte das gesamte Ufer ab, aber sie fand keine Menschenseele.

Da machte sie sich auf den Weg, das Innere der Insel zu erkunden. Es ging steil bergan auf steinigen Pfaden, sie hoffte, sich oben auf dem Plateau einen Überblick über die Insel verschaffen zu können. Doch plötzlich, nach einer Wegbiegung, stieß sie auf einen Höhleneingang. Sie betrat die kleine Höhle und bestaunte die wunderlichen Formen der Tropfsteine. Immer weiter ging sie in die Höhle hinein. Eigenartigerweise wurde es, auch, als sie schon tief in der Höhle war, nicht dunkel – esbegann ein seltsames Licht zu schimmern, so dass sie noch immer alles erkennen konnte.
„Wie kommst du denn hierher?“ hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.

Das Herz wäre ihr fast stehen geblieben, so sehr hatte sie sich erschreckt. Sie drehte sich um und sah eine Frau, nicht alt und nicht jung, auf sich zu kommen. Sie hatte wunderschönes langes, kräftiges Haar. 'Fast wie Rapunzel, nur dunkel', dachte Mariechen. „Wer bist du?“ wagte sie sich zu fragen und die Frau antwortete: „Ich bin die Hollermutter und diese Insel ist im Moment mein Zuhause. Die Menschen fällen immer mehr meiner Hollerbüsche, weil sie ihren Nutzen nicht mehr erkennen. Ich habe fast keinen Ort mehr, wo ich noch wohnen könnte“. “Aber ich weiß, dass deine Hollerbüsche wertvoll für die Menschen sind. Die Großmutter hat mir jedes Jahr wieder gezeigt, wie man Blüten sammelt und daraus einen köstlichen Sirup macht. Und wie man die Blüten trocknet für den Fliedertee, den man bei Fieber trinken soll. Manchmal hat sie auch aus den frischen Blütendolden Hollerküchlein gebacken, hmmm, die waren lecker!

Und wenn die Beeren reif waren, haben wir sie geerntet und köstliches Himbeergelee und Muttersaft davon gekocht. Im Winter hat mir die Großmutter immer ein wenig davon in den Tee gegossen und gesagt:
'Damit du nicht krank wirst'. Und ich bin nie krank geworden!“ „Es ist schön, dass wenigstens du noch weißt, wie wertvoll mein Holunder für die Menschen ist. Jetzt, wo ich sehe, dass es noch Menschen gibt, die seine Heilkraft kennen, werde ich wieder in ihre Welt zurückkehren. Und sie ging mit Mariechen zum Meer hinab, nahm aus ihrer Ärmelfalte eine Walnuss, brach sie in zwei Hälften und setzte eine Hälfte ins Wasser. Dann murmelte sie ein paar, für Mariechen unverständliche Worte und siehe da – ein kleines Boot mit schönen weißen Segeln schaukelte auf den Wellen. Sie bestiegen das Boot und dann segelten sie, schnell wie der Wind auf das Festland zu.

Mariechen hörte das Geschrei der Möwen. 'Komisch', dachte sie, 'das klingt wie das Geschnatter meiner Gänse'. Sie schaute sich um - - - da lag sie auf dem Gras des Dorfangers. Um sie herum grasten friedlich ihre Gänse und über ihr schaukelten sanft im Wind, die Zweige des Hollerbusches.

© Hella Brust