Die Skelettfrau: Sich dem Werden, Vergehen und Neuwerden der Liebe stellen

Magdalenes Blog
Dienstag, 10. Januar 2017 - 10:15

in: Clarissa Pinkola Estés, Die Wolfsfrau – Kap. 5: Auf der Jagd: Das Herz des einsamen Jägers – Seite 140 - 175

Die Autorin, 1945 geboren,  stammt von mexikanischen Eltern ab. Sie ist überzeugt von der Lehre C.G. Jungs und arbeitet als promovierte Psychoanalytikerin in den USA. Meine Ausgabe ihres Buchs „Die Wolfsfrau“ wurde 1996 in deutscher Übersetzung im Heyne-Verlag gedruckt.

Zu Beginn des 5. Kapitels weist Frau Pinkola Estés auf die Integrität in den Beziehungen von Wölfen hin. Diese sei darauf zurückzuführen, dass sie sich bedingungslos dem „(...) ewigen Zyklus von Entstehung von Leben, Entwicklung, Abbau und Tod (unterwerfen), auf welchen wieder neues Leben folgt.“ (140). Und zwar auf allen Ebenen der Existenz, im Bereich des Physischen wie auch im Bereich des Psychischen.

 Für das dauerhafte Zusammenkommen von zwei Menschen ist nach Ansicht der Autorin Voraussetzung,  dass „die Skelettfrau“ als Dritte der Verbindung eingeladen werde. Diese verkörpere die „Leben-Tod-Leben- Natur“. Sie müsse von Partnerin und Partner herzlich willkommen geheißen werden, damit die Liebe von Dauer sein könne. (141)

Nun folgt die alte Inuit-Erzählung von der Skelettfrau. Darin geht es um die psychischen Stationen, die den Weg zu ihrer liebevollen Annahme ausmachen. Demnach habe der Vater der Skelettfrau diese vor langer Zeit als Strafe für ein nicht bekanntes Fehlverhalten  ins eisige Meer gestoßen. Dort schwebte sie als Skelett unter den Eisschollen, bis ein ahnungsloser junger Fischer eines Tages seine Angel in der Bucht auswarf. Sofort verfing das Skelett sich darin, und trotz seiner Bemühungen los zu kommen, wurde es an der Angel emporgezogen.

Auch dem erschrockenen Fischer gelang es nicht, seinen schrecklichen Fang wieder los zu werden. Unterwegs zu seinem Iglu bekam das Skelett ein paar Fische zu greifen, die es umgehend verzehrte. Bald nach dem Erreichen seiner Behausung war der Fischer in einen tiefen Schlaf gefallen. Als er erwacht war und die Öllampe angezündet hatte, erblickte er in ihrem Schein den Knochenhaufen, der ungeordnet in einer Ecke lag. Unerwartet wurde er von Mitleid ergriffen und ordnete den Haufen sorgsam. Am Ende legte er der Skelettfrau sogar warme Felle um. Dann schlief er weiter. Die Skelettfrau jedoch erblickte eine Träne, die  dem Mann über die Wange lief. Sie schaffte sich an seine Seite und schlürft edie Träne auf. Davon wurde sie so gestärkt, dass sie sein Herz ergreifen und als Trommel  einsetzen konnte, um  ihr Lied des Lebens zu singen. Während sie trommelte und dazu sang, erhielt sie alles, was ihr Körper benötigte. Schließlich sang sie dem Fischer noch die Kleider von seinem Leib und kroch anschließend zu ihm unter die Bettdecke. Sie gab ihm sein Herz zurück und kuschelte sich an ihn. Beim Aufwachen hielten beide sich eng umschlungen. - Sie hatten von nun an gemeinsam ein gutes Leben, denn die Geschöpfe des Meeres, mit denen die Frau sich angefreundet hatte, nährten und schützten das Paar.

Clarissa Pinkola Estés sieht in der Skelettfrau die gelungene Metapher für ein Problem in modernen Liebesbeziehungen. Nämlich, dass die Beteiligten in den Archetypen „Tod“ und „Leben“  unvereinbare Gegensätze sehen. Diese Sichtweise müsse transformiert werden in die Vorstellung, sie seien ein „unzertrennliches Liebespaar“ (145). Häufig sei es so, dass Todesangst den Leben/Tod/Leben-Aspekt verzerre. Denn wie trotzige Kinder fühlten Menschen sich beraubt und bösartig hintergangen, wenn etwas sterben müsse. Es sei jedoch wesentlich, die  innere Autorität auf- und anzunehmen, die mit den Kräften des Werdens, Vergehens und Neuwerdens umgehen könne.

Bei der Entwicklung einer dauerhaften Liebesbeziehung hat  die Autorin sieben Stufen erkannt:

  1. dass jemand „zufällig“ einen Schatz entdeckt, der eigentlich eine „Eroberung“ machen, seine innere Leere füllen oder eine Zerstreuung wollte. Stets werde es auch dazu kommen, dass der Todesaspekt sich ebenfalls zeige.
  2. Werden lang gepflegte Vorstellungen enttäuscht, müssen Illusionen sterben. Nicht alles sei gleichzeitig zu haben – nicht immer sei das Miteinander lustig, schön und unbeschwert.
  3. Es komme zur Flucht aus der Beziehung, weil schockartig erkannt werde, dass man sich nun unweigerlich auch mit dem Todesaspekt auseinander zu setzen habe. Eigentlich handele es sich um Selbstzweifel. Man glaubt den Leben/Tod/Leben-Aspekt nicht ertragen zu können. Der Partner/die Partnerin dagegen verhält sich in diesem Stadium eindringlicher, lebendiger, werbender.
  4. Mutig müsse die Aufgabe angenommen werden, sich der Skelettfrau, bzw. den eigenen Ängsten zu stellen. Daraus kann das nötige Mitgefühl entstehen, mit sich selbst und dem Partner/der Partnerin. „Berühren, zurechtlegen und zur natürlichen Ordnung zurückführen, was uns unheimlich und bedrohlich vorkommt...“ (157) -  das seien die notwendigen drei seelischen Handlungen. Der Gerechtigkeitssinn, der tief im Unbewussten verankert sei, belohne das Erbarmen mit dem scheinbar Niedrigen. Alte Wunden könnten heilen.
  5. Die üblichen Schutzmechanismen, wie Zynismus und Kontrollsucht würden vergessen. Vertrauensvoll überlässt sich der Liebende dem Schlaf, in Anwesenheit des Leben/Tod/Leben-Aspekts. Daraus erwächst die seelische Fähigkeit, Verletztes zu heilen. Die Autorin bezeichnet diese Ebene als „Geist-Selbst“ (162). Es handele sich um die Möglichkeit zur Selbstheilung. Beide Liebende müssen das Vertrauen aufbringen, dass alles, was geschieht, ihnen und ihrer Beziehung zur weiteren Entwicklung dienen wird.
  6. Das Erscheinen der Träne zeigt, dass der Mann sich eingesteht,  seine Beziehung zur eigenen Urnatur sei verwundet,  er habe sich selbst sich von dieser abgeschnitten. Er wird sich in Zukunft selbst heilen können. Die Träne ist auch ein Zeichen wirklicher Nächstenliebe. Der Leben/Tod/Leben-Aspekt in Gestalt der Skelettfrau trinkt die Träne. - Etwas Neues kann sich entwickeln, und der Mann schenkt jetzt der Frau sein „ozeanisch fühlendes“ Herz (166).
  7. Das Trommeln auf dem Herzen bedeutet für die Inuits, den Sitz des menschlichen Geistes zu bearbeiten. Für die Hindus gibt es sogar ein Energie-Herz, das unsichtbar hinter dem organischen Herzen ruht. Dieses verhilft zu rückhaltlosem Lieben. -  Demnach kann das Herz schöpferisch sein und Möglichkeiten gebären, die dem Leben/Tod/Leben Aspekt dienen: „Ein Mann, der sich der Skelettfrau hingibt, entwickelt feminine Urkräfte in einem maskulinen Milieu. (...) Er inspiriert Neuschöpfungen, nicht nur in sich selbst, sondern auch in seiner Umgebung.“ (167)
    In menschlichem Gesang sieht die Autorin daher eine spezielle Form der Beschwörung von Kräften, die zu einem veränderten Bewusstsein führen, also transformieren könne.
    Wenn Menschen den Leben/Tod/Leben-Aspekt annehmen, leben sie eine Art Tanz. Bei Schwierigkeiten können sie immer zum entgegen gesetzten Pol wechseln. Beispielsweise bei dem Gefühl von zu viel Nähe, sich etwas entfernen; bei dem Empfinden von Einsamkeit einen Schritt auf den anderen zugehen.
    Was das Thema „Vereinigung“  angeht, ist festzuhalten, dass, wie auch in der Bibel formuliert, dabei „(...) das eine sich im anderen erkennt. Das ist Liebe.“ (171) Das Herz des Jägers jedoch sei zum Instrument der Transformation geworden.

 

 Die Geschichte von der Skelettfrau und Clarissa Pinkola - Estés Interpretation gefallen mir sehr gut. Darin wird nämlich erklärt, wie und wodurch der sogenannte Geschlechtergraben sich schließen lässt.